Innere Mülltrennung oder auch: Glaub nicht alles, was Du denkst!

Wir Menschen sind verwirrte Wesen- und das macht uns auch so gefährlich.

Nicht nur, dass wir uns so ziemlich jeden Gedanken der uns durch den Kopf schwirrt glauben- nein, darüber hinaus glauben wir ihm mehr, als unserer direkten Erfahrung und auch mehr, als den Gedanken, die andere in ihren Köpfen haben.

Zum Beispiel saß mir neulich in der Bahn eine Frau gegenüber, von ihrer Frisur und ihrem Kleidungsstil her würde ich sie als links-alternativ einordnen (wie mich selbst übrigens auch und dieser Hinweis wird gleich noch wichtig).

Ich lächelte ihr freundlich zu- jedenfalls war das so von mir gemeint.

Daraufhin begann sie mich als Nazi zu beschimpfen, meinte sie habe lang genug nach- und quergedacht und würde Bescheid wissen und solche Leute wie mich auf den ersten Blick erkennen.

Sie steigerte sich immer mehr in diese fixe Idee hinein, drohte mir an, mir meine Zähne einzutreten und vieles mehr.

Ich nannte ihr ein paar Beispiele, die aus meiner Sicht eindeutig gegen ihre Einschätzung sprechen (Gegen Nazis-Demo mit organisiert, in der Flüchtlingshilfe engagiert etc.)- es half alles nichts.

Zusammengefasst passierte also folgendes: Sie hat jemand in der Bahn gesehen (Wahrnehmung). Die Person lächelte ihr zu. Aus meinem äußeren Erscheinungsbild und diesem Verhalten (lächeln), schloss diese Frau blitzschnell, ich sei ein Nazi (Interpretation) und ließ sich diese fixe Idee auch nicht anhand meiner Beispiele ausreden (fester Glaube an die Wahrheit ihrer Interpretation).

Also alle Elemente vorhanden: direkte Erfahrung (etwas sehen), sich dazu irgendwas denken (Interpretation des Gesehenen) und sich dieses Gedachte entgegen aller Indizien, die dagegen sprechen (mein Äußeres, mein Verhalten, die genannten Beispiele) weiterhin glauben.

Zugegeben, das Beispiel ist ziemlich krass und man könnte nun sagen, ok, die Frau war vermutlich einfach verrückt. Ich fürchte allerdings, so einfach ist es nicht- beziehungsweise, wenn diese Frau verrückt ist, dann sind es rund 95% der Menschheit ebenso.

Wir glauben uns jeden Stuss, der als Gedanke unseren Kopf füllt.

Ein weniger krasses Beispiel: Als Kind habe ich mal eine Olive probiert- und sie nach einem sehr kurzen Moment in hohem Bogen ausgespuckt. Schmeckte nicht, bäh. Soweit, so gut und mag in dem Moment auch gestimmt haben. Aus diesem einzelnen Moment heraus fraß sich aber der Gedanke ‚Ich mag keine Oliven‘ wie ein Glaubenssatz in mein Hirn und ich verweigerte für mindestens 10 Jahre weitere Versuche mit Oliven.

Eines schönen Tages, als ich bei einer guten Freundin spanischer Herkunft zum Essen eingeladen war, wurde ich Zeuge der Verzückung und des großen Genusses, den diese Familie beim Essen von Oliven überkam. Also probierte ich dann irgendwann an diesem Abend doch noch mal eine. Und, oh Wunder: auf einmal schmeckten mir Oliven. Hätte ich mich weiter, wie in den Jahren zuvor stur und strikt an meinen inneren Glaubenssatz geklammert, hätte ich diese Erfahrung nie machen können.

Bezogen auf Oliven habe ich seither eine on and off-Beziehung zu ihnen. Manchmal schmecken sie mir, manchmal nicht. Das ist großartig, weil zumindest in Bezug auf Oliven ich sicherlich nie wieder irgendeinem festen Glauben anheim fallen werde.

Gerade wenn es um Essen geht sieht man sehr schön, wie viel Einfluss die Gesellschaft, unsere Erziehung, unser Festhalten an inneren Glaubenssätzen, aber auch Situation und Kontext auf unser Verhalten haben. Manche Dinge gelten in bestimmten Kulturen als Delikatesse, die in anderen Kulturen Würgreiz oder schlimmeres auslösen. Manchmal reicht es, zu Wissen (oder auch nicht) was man gerade verspeist, um es auf einmal eklig zu finden (oder genüsslich weiter zu essen).

Wenn jemand richtig mörderischen Hunger hat wird er alle Essgewohnheiten ab einem gewissen Punkt höchstwahrscheinlich über Bord werfen und einfach essen, was er kriegen kann. Sprich: eigentlich sind all unsere Vorlieben und Abneigungen das Produkt aus äußeren Einflüssen, also nicht unsere freie Entscheidung und überdies je nach Kontext auch noch höchst veränderlich.

Halten wir also fest: Denken/Glauben ist etwas anderes, als die direkte Erfahrung (sehen, hören, riechen, schmecken etc.). Denken beeinflusst aber enorm die direkte Erfahrung. Mitunter so stark, dass es die direkte Erfahrung nahezu auslöscht oder überschreibt- siehe das Beispiel in der Bahn- oder direkte Erfahrung unmöglich macht, wie es mir im Fall der Olive um ein Haar passiert wäre.

Wir nehmen unser Denken oftmals wichtiger, als alles andere. Schlimmer noch, wir halten, das, was wir so vor uns hin denken für wahr.

Genau darin liegt der Ursprung so ziemlich aller Konflikte.

Schon der Versuch konstruktiv Kritik zu äußern, also jemandem Feedback zu geben, scheitert an der

Verstricktheit unserer Wahrnehmungen mit dem Denken. Wir sind es so sehr gewohnt, dass sich Bewertungen und Interpretationen in Sekundenbruchteilen an das, was wir beobachtet haben drankleben, dass wir Beobachtung und Interpretation regelmäßig als Einheit empfinden. Es erfordert viel Mühe, Genauigkeit und Übung, diese Elemente wieder voneinander zu trennen bzw. getrennt wahrzunehmen. Noch mehr Mühe erfordert es, dem Denken schlichtweg nicht mehr zu glauben (aber, es ist möglich und es lohnt sich- das zu vermitteln ist meine Mission).

Ganz ohne jedweden spirituellen Bezug kann man anhand der Feedback-Regeln lernen, Beobachtung von Interpretation zu trennen.

Dabei geht es darum, zunächst alle Aussagen als ‚ich-Botschaften‘ zu formulieren. Das alleine reicht aber noch lange nicht, denn der Satz: ‚Ich finde, Du bist ein Arschloch‘ ist kein Feedback, wie jedem klar sein dürfte, ich-Botschaft hin oder her.

Als erstes sagt man bei einem konstruktiven Feedback, was man beobachtet hat. Zum Beispiel:

‚Ich habe beobachtet, dass Du, als die Teilnehmerin ihre Ängste und Nöte mitteilte, gelacht und mit den Augen gerollt hast.‘

Das ist eine Wahrnehmung, in dem Fall Sehen.

Als nächstes sagt man, wie das, was man beobachtet auf einen gewirkt hat- hier kommt also die Interpretation. Zum Beispiel: ‚Das hat auf mich unempathisch gewirkt.‘

Im nächsten Schritt kommt dann ein Vorschlag. Zum Beispiel: ‚Ich würde mir wünschen, dass Du beim nächsten Mal mit Deiner Körpersprache Zuwendung, Mitgefühl und Anteilnahme signalisierst, z.B. indem Du Dich zu der Person hinwendest, sie freundlich anschaust und Deine Anteilnahme aussprichst.‘

Das wäre also eine Möglichkeit, wie man jemandem dabei helfen könnte, nicht wie ein Arschloch rüber zu kommen. Allerdings ist dazu, neben der ganzen inneren Mülltrennung auch noch die Erkenntnis von Nöten, dass der größte innere Müll im Glauben an ihn besteht- bzw. natürlich daran, dass der Müll gar keiner ist, sondern die totale Wahrheit darstellt.

Wenn ich fest davon überzeugt bin, dass der Mensch, der so auf die ängstliche Teilnehmerin reagiert aufgrund dieser einen Reaktion definitiv und unumstößlich und dazu auch noch konstant, immer, 24/7 ein Arschloch IST- wenn ich das fest glaube- dann gibt es keinen Grund daran etwas zu ändern, weil es keine Hoffnung auf Besserung gibt. Und vielleicht habe ich dann auch keine Lust, demjenigen zu helfen, wenn ich denke er ist ein Arschloch.

Und das ist ein weiteres Problem in der Welt. Wir neigen dazu es uns zu einfach zu machen. Jemand verhält sich in einer gegebenen Situation so, dass wir das unangemessen finden und zackbumm, ist derjenige ein Arschloch. Für immer und in jedem Moment. Hauptberuflich böse, sozusagen. Vielleicht war der Kursleiter (um in dem Beispiel zu bleiben) abgelenkt. Vielleicht lief in dem Moment draußen eine Kollegin vorbei und machte eine Geste, auf die er mit Lachen und Augenrollen reagierte. Es ist zwar nicht besonders toll oder professionell, sich von so etwas mitten in einem Kurs ablenken zu lassen- es ist aber menschlich und überdies in dem Beispiel eine mögliche Erklärung, die nicht zwingend darauf hinaus läuft, dass der Kursleiter ein Arschloch ist, der es an Empathie für seine Teilnehmer mangeln lässt. das wird man aber nie erfahren, wenn man jemanden als Arschloch abstempelt und dies wiederum als Begründung nimmt, sich nicht näher mit ihm zu befassen. Und schwubbs ist man der Frau, die mich in der Bahn als Nazi beschimpfte dann doch erschreckend ähnlich…

Wobei auch diese Frau aus meiner Sicht kein Arschloch ist- sie ist einfach genau dem Fehler aufgesessen, in der Illusion verhaftet, in der sich der überwiegende Großteil der Menschheit befindet. Und davon abgesehen kann ich mir sehr lebhaft vorstellen, dass sie jemand anderem gegenüber sehr mitfühlend und im positiven Sinne engagiert begegnen kann. Hätte sie mich in einem anderen Kontext getroffen, wären wir vielleicht sogar Freundinnen geworden, wer weiß?

Denn sowieso: Keiner ist irgendwas ständig und andauernd- außer natürlich Bewusstsein, unendlich, merkmalsfrei.

Ich gehe mal davon aus, dass Du, lieber lesender Mensch, Dich noch nicht als pures Bewusstsein empfindest, daher bleibe ich jetzt mal bei der eher relativen Perspektive:

Bist Du der selbe Mensch in folgenden Situationen:

  • Morgens, unausgeschlafen
  • Morgens, ausgeschlafen
  • Hungrig
  • Satt, nach einem vorzüglichen Essen
  • außer Dir vor Wut
  • nach einem ganz besonders tollen Orgasmus
  • vor einer wichtigen Prüfung
  • kurz vorm Einschlafen, nach einem sehr anstrengenden Tag
  • ….

Natürlich wirst Du auf eine Art sagen, bist Du derselbe Mensch- mit dem gleichen Namen, den gleichen Eltern usw. Aber, wenn Du Dich ernsthaft an die genannten Situationen erinnerst, Dich nochmal in sie hinein versetzt und Dir die direkte Erfahrung anschaust wirst Du mir sicher zustimmen, dass Du in rasender Wut Dich ziemlich stark von Dir, nach einem ganz besonders tollen Orgasmus unterscheidest- nicht wahr?

Die Krux ist: auch wenn klar ist, dass wir uns von Moment zu Moment ganz erheblich unterscheiden, in Aussehen, Erleben, Verhalten und auch Denken, konstruieren wir uns via Denken eine konstante Raum-Zeit-Linie, einen roten Erzählfaden hinzu und nennen die Summe all dieser Elemente unser ‚Selbst‘ oder ‚Ego‘ oder ‚ich‘. Dabei übersehen wir das einzige, was wirklich konstant und immer da ist: Bewusstsein. Das ist auch leicht zu übersehen- gerade weil es immer da ist. Und zudem, weil es eben merkmalsfrei ist. Das, was sich all der Ereignisse bewusst ist. Das, was den tollen Orgasmus, die rasende Wut, den nagenden Hunger und all die Gedanken dazu und darüber erfährt- das ist Bewusstsein, das bist DU.

Denken hingegen ist der Superkleber der Illusion. Denken klebt sich an die Erfahrungen dran, macht sie sich und einem ausgedachten Selbst zu eigen, bewertet, begrüßt, lehnt ab, erfindet Gründe, Geschichten usw. und bindet damit mitunter extrem viel Aufmerksamkeit an sich und verhindert dadurch, dass wir unser wahres Selbst erkennen können.

Die andere Kraft, die als Klebstoff wirkt und ein häufig vorgebrachtes ‚Argument‘ in nondualen Diskursen darstellt ist Intensität. Wir haben den Eindruck, dass sehr intensive Erfahrungen irgendwie ‚realer‘ sind, als weniger intensive Erfahrungen- dann kommt Denken dazu und macht daraus einen Glaubenssatz. Dann denkt Denken während intensiver Erfahrungen wie Schmerz oder großer Lust noch intensiver, wie real und wie sehr ‚meins‘ diese Erfahrung gerade ist. Aber auch das ist eine Illusion. Das kannst Du für Dich selber überprüfen. Vergleiche Deine nächste Achterbahnfahrt oder das nächste mal, wenn ein Polizeiauto mit laufender Sirene direkt an Dir vorbei fährt (oder irgendwas anderes sehr intensives) mal mit dem nächsten Mal, wenn Du einen zartrosa Morgenhimmel mit leichtem Bodennebel siehst oder einen schwachen Geruch von Apfelkuchen wahrnimmst (oder irgendwas anderes nicht so intensives). Und dann frag Dich mal, was an der intensiven Erfahrung realer sein soll, als an der nicht so intensiven Erfahrung. Bzw. frag Dich nicht, denn ziemlich sicher, wird Dir Denken einen Vortrag halten, sondern vergleiche die beiden direkten Erfahrungen miteinander, hinsichtlich ihres ‚Realitätsgehalts‘.

Quelle: Innere Mülltrennung oder auch: Glaub nicht alles, was Du denkst! – Egobuster!

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2 Gedanken zu “Innere Mülltrennung oder auch: Glaub nicht alles, was Du denkst!

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