Gespräch ist wechselseitige Selbstdarstellung 

Ich tu, was ich tu; und du tust, was du tust.
Ich bin nicht auf dieser Welt, um nach deinen Erwartungen zu leben,
Und du bist nicht auf dieser Welt, um nach den meinen zu leben.
Du bist du, und ich bin ich.
Und wenn wir uns zufällig finden – wunderbar.
Wenn nicht, kann man auch nichts machen.

Der Gestalt- und Familientherapeut Walter Kempler lieferte gewissermaßen
den fehlenden Teil dazu:

Mein Leben beginnt mit Wir.
Wenn das Wir aufhört, entdecke ich das Du-und-Ich.
Manchmal sehne ich mich nach dem Wir,
manchmal ziehe ich das Du-und-Ich vor.
Manchmal reicht keines von beiden und Verlangen erfüllt mich.

Dann gibt es Dinge, die zu tun ich lernen kann:

Ich kann lernen, mehr zu sprechen, wenn ich will.
Ich kann lernen, “Nein!” zu sagen, wenn ich nicht will.
Ich kann lernen, auf etwas zu bestehen, oder es zu lassen.

Und ich kann trauern,
wenn ich schließlich mein Verlangen aufgeben muss.

Ohne Dich kann ich nicht lernen.
So oder so, ich muss durch Dich lernen: mit Dir.
Allein kann ich nur schreien und ächzen.

Wenn Du Not leidest, kommst du zu mir
(ich wär’ gestorben, hättest Du’s nicht getan).

Und wenn wir in Berührung kommen,
wird es möglich zu lernen, was ich lernen kann.

Und Dich nenne ich meine Familie.

D&DMir fiel dieser Satz “Gespräch ist wechselseitige Selbstdarstellung.” kürzlich wieder in einer Antwort auf Enos Kommentar ein. Unter Gespräch wird in der Regel etwas völlig anderes verstanden: Man zeigt, dass man gleicher oder gegenteiliger Meinung ist, und kämpft mit Argumenten für die eigene Position. So bilden sich Koalitionen oder Feindschaften und die Meinungen passen sich an bzw. werden immer schärfer von den Meinungen der Gegenseite abgegrenzt. Walter Kempler würde das wohl eher Politik nennen als Gespräch.

Gespräch ist wechselseitige Selbstdarstellung. Das Wort Selbstdarstellung hat oft einen eher negativen Touch. Unter einem Selbstdarsteller wird häufig ein selbstverliebter Wichtigtuer verstanden, der immer im Mittelpunkt stehen muss. Dabei ist Selbstdarstellung etwas, ohne das wir als Individuen gar nicht sein können. Jeder Grashalm ist ein Selbstdarsteller, ob er will oder nicht. Aber diese Wahl hat er ja gar nicht. Wenn ich an ein junges Mädchen denke, das die ersten fraulichen Merkmale an sich entdeckt, so hat es (scheinbar) die Wahl, sich stolz zu präsentieren oder sich schamhaft zu verstecken. Beide Verhaltensweisen sind Formen der Selbstdarstellung. Wir können uns also noch so sehr bemühen, wie wir wollen, wir stellen uns wie der Grashalm immer selbst dar. Wir alle sind wandelnde Offenbarungen.

Je mehr dies gesehen wird, je mehr dies zugelassen wird, desto lebendiger wird der Austausch unter den Selbstdarstellern. Es geht nicht mehr um etwas so Langweiliges, wer denn nun richtig liegt und wer falsch, sondern lediglich um die möglichst unverfälschte Begegnung völlig einzigartiger Wesen. Statt “Wesen” könnte ich auch spirituell sehr wichtigtuerisch von göttlichen Manifestationen sprechen, von göttlichen Selbstgesprächen, aber so etwas sagt man besser nicht. “Du und ich” sind da viel berührender.G

nur ein Kôan ist wichtig

du

Ikkyû Sôjun

Quelle: Walter Kempler: Gespräch ist wechselseitige Selbstdarstellung | nit möööglich!

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