Beziehungen aus Liebe und Hass

canstock29966818Solange du die Bewusstseinsschwingung der Gegenwärtigkeit noch nicht erreicht hast, sind all deine Beziehungen, besonders die intimen, höchst unvollkommen und letztlich gestört. Eine Zeit lang erscheinen sie dir perfekt, zum Beispiel als du »verliebt« warst, aber diese scheinbare Vollkommenheit wird bald beeinträchtigt, und es kommt immer häufiger zu Streit, Konflikten, Frustration und emotionaler oder gar physischer Gewalt.

Die meisten Liebesbeziehungen verwandeln sich offenbar über kurz oder lang in Beziehungen der Hassliebe. Dann kann die Liebe im Handumdrehen in wilde Angriffe, feindselige Gefühle oder auch totalen Liebesentzug umschlagen. Das gilt als normal.

Wenn du in deinen Beziehungen sowohl »Liebe« als auch deren Gegenteil – Angriffswut, emotionale Gewalt usw. – erlebst, verwechselst du höchstwahrscheinlich egoistisches Anklammern und Besitzergreifen mit Liebe. Du kannst deinen Partner oder deine Partnerin nicht den einen Augenblick lieben und im nächsten Augenblick angreifen. Wahre Liebe kennt kein Gegenteil.

Wenn es zu deiner Liebe ein Gegenteil gibt, dann ist es keine Liebe, sondern das starke Egoverlangen nach einem vollkommeneren, tieferen Selbstgefühl, ein Verlangen, das die andere Person vorübergehend erfüllt. Das ist der Ersatz des Egos für die Erlösung, und für eine kurze Zeit hast du auch fast das Gefühl, erlöst zu sein.

Aber irgendwann ist immer der Punkt erreicht, wo dein Partner deinen oder vielmehr den Bedürfnissen deines Egos nicht mehr gerecht wird. Jetzt kommen Gefühle wie Angst, Schmerz und Mangel wieder an die Oberfläche, alles wesentliche Bestandteile des Ego Bewusstseins, die nur von deiner »Liebesbeziehung« überdeckt wurden.

Wie bei jeder anderen Sucht auch bist du high, solange dir die Droge zur Verfügung steht, doch es kommt unweigerlich der Zeitpunkt, an dem die Droge keine Wirkung mehr zeigt.

Wenn die schmerzhaften Gefühle wiederkehren, empfindest du sie noch stärker als zuvor, vor allem jedoch betrachtest du jetzt deinen Partner als die Ursache dieser Gefühle. Das heißt, du projizierst sie nach außen und greifst nun den anderen mit der brutalen Gewalt an, die Teil deines Schmerzes ist.

Deinem Partner oder deiner Partnerin macht dieser Angriff womöglich den eigenen Schmerz bewusst, so dass sie zur Gegenwehr übergehen. An diesem Punkt hofft dein Ego unbewusst noch immer, dass sein Angriff beziehungsweise sein Manipulationsversuch als Strafe genügt, um den Partner zu einer Verhaltensänderung zu bewegen, damit er wieder zur Schmerzbetäubung herhalten kann.

Jede Abhängigkeit oder Sucht entspringt einer unbewussten Weigerung, sich mit dem eigenen Schmerz auseinander zu setzen und ihn durchzustehen. Jede Sucht beginnt mit Schmerz und endet mit Schmerz. Ganz gleich, wonach du süchtig bist, ob nach Alkohol, Essen, legalen oder illegalen Drogen oder einer Person, immer benutzt du etwas oder jemanden, um deinen Schmerz zu betäuben.

Darum gibt es, wenn die anfängliche Euphorie verflogen ist, so viel Kummer, so viel Schmerz in intimen Beziehungen. Sie verursachen diesen Schmerz und Kummer jedoch gar nicht. Sie fördern lediglich den Schmerz und den Kummer zutage, die bereits in dir sind. Jede Sucht tut das. Und bei jeder Sucht kommt ein Punkt, an dem die Droge nicht mehr wirksam ist; dann spürst du den Schmerz noch intensiver als je zuvor.

Das ist einer der Gründe dafür, warum die meisten Menschen dauernd versuchen, vor dem gegenwärtigen Augenblick zu fliehen, und irgendeine Art Heil in der Zukunft suchen. Das Erste, worauf sie stoßen würden, wenn sie ihre Aufmerksamkeit auf das Jetzt richteten, wäre ihr eigener Schmerz, und davor haben sie Angst. Wenn sie nur wüssten, wie leicht sie Zugang zur Kraft des Jetzt gewinnen können, die die schmerzliche Vergangenheit auflöst, zu der Wirklichkeit, die die Illusion auflöst. Wenn sie bloß wüssten, wie nahe sie ihrer eigenen Wirklichkeit, wie nahe sie Gott sind!

Beziehungen aus dem Weg zu gehen, um dem Schmerz auszuweichen, ist auch keine Lösung. Der Schmerz ist und bleibt da. Drei gescheiterte Beziehungen in ebenso vielen Jahren werden dich eher dazu zwingen aufzuwachen, als drei Jahre auf einer einsamen Insel oder im stillen Kämmerlein. Wenn du allerdings mit intensiver Gegenwärtigkeit allein sein kannst, dann wird auch das funktionieren.

(c) Eckhart Tolle

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