Von der Raupe zum Schmetterling

Der spirituelle Schüler gleicht einer Raupe, der Meister dem Schmetterling.

Der Meister kann dem Schüler niemals verständlich machen, was er meint. Er kann ihm zwar von seinen Erlebnissen und Erkenntnissen berichten, aber so wirklich wird der Schüler dies nicht verstehen können. Der Schmetterling kann der Raupe nicht helfen. Stell Dir vor, der Schmetterling berichtet vom Fliegen, von den wunderbaren Wiesen und Blumen, von der Weite des Himmels und davon, wie er sich vom Winde tragen lässt. Das ist ja alles schön und gut, aber die Raupe weiß nichts damit anzufangen.

Der Meister muss dem Schüler Lust auf ganz bestimmte Erfahrungen machen. Das ist das einzige, was er tun kann. Der Meister lehrt nicht, wie fälschlich angenommen, die Wahrheit, das geht nicht. Er vermittelt vielmehr Energie und dient als Katalysator um den Schülern gewisse Erfahrungen zu ermöglichen. Der Meister weiß, daß die Wahrheit nicht gesagt, sondern bloß erfahren werden kann.

Die Raupe existiert, im Gegensatz zum Schmetterling, als Ego. Dies macht sie so unfrei und erdverhaftet. Sie hat keine Flügel und weiß nichts von der Leichtigkeit des Lebens. Höhepunkt eines solchen Daseins ist die Selbstverhärtung welche in einer starren Verpuppung endet. Nun ist die Raupe vollkommen abgetrennt und isoliert von der Welt. Sie wird gänzlich auf sich selbst zurückgeworfen und wird so lange keinen Ausweg mehr finden, bis die ultimative Transformation geschieht und sie förmlich aus der Schale, dem Gefängnis ihres Egos aussteigt. Ohne daß diese Verwandlung geschieht bleibt ihr nichts anderes übrig, als von einem besseren Leben in Freiheit zu träumen und es wird auf ewig ein Traum bleiben.

Der Unterschied von der Raupe zum Schmetterling ist, daß die Raupe nicht weiß, daß sie in Wahrheit, im Kern ihres Seins, ein Schmetterling ist. Der Schmetterling jedoch weiß, daß er eine Raupe gewesen ist und weiß, daß er ein Schmetterling ist. Der Meister ist sich seiner selbst bewusst, der Schüler noch nicht. Erst wenn Du Dich Dir selbst gegenüber enthüllt und aus dem Kokon Deines Egos hinausgeschlüpft bist kannst Du Deine Flügel ausbreiten und Dich wahrhaftig über Dein bisheriges Raupendasein emporschwingen. Das einzige was der Schmetterling tun kann um der Raupe zu helfen ist, er kann vor ihr in der Luft, im Lichte der Sonne tanzen. Er kann vor ihr von Blüte zu Blüte fliegen, sich am wundervollen Nektar laben und seinen luftigen Lebenstanz genießen. Der Meister kann, in dem er vor der Raupe einfach lebt und sich dem Fluss des Augenblickes hingibt, der Raupe ein Beispiel sein. Je länger eine Raupe nun den Schmetterling beobachtet, ihm zuschaut und seine Lebensfreude, seine gelassene Leichtigkeit und sein Urvertrauen bewundert, desto eher keimt in ihr der Wunsch auf, dem Schmetterling gleich zu werden. Ja, nun hat der Meister des Schülers Sehnsucht nach Freiheit, nach Freisein geweckt. Dies ist das einzige was er für ihn tun konnte. Und wenn die Sehnsucht der Raupe den Zenit erreicht hat, dann beginnt die Transformation. Und es ist nicht so, daß der Raupe dann gleich Flügel wachsen, was will denn eine Raupe schon mit Flügeln… hm… eine geflügelte Raupe… ich glaube nicht, daß sie zum Fliegen geeignet wäre… Nein, das Wunder der Verwandlung beginnt damit, daß der Schüler in einen tiefen ja, den tiefsten Abgrund steigt. Er verpuppt sich, er kehrt in sich ein so tief wie nur irgend möglich! Er leidet, verzweifelt und droht wahnsinnig vor Schmerz zu werden. Nicht vor körperlichem Schmerz, sondern psychischen Leid. Er fühlt vollumfänglich den Schmerz eines Schmetterlings welcher unendlich lange als Raupe sein Dasein verbracht hatte. Dieser Schmerz ist der Beginn der Erleuchtung.

Somit muss der Meister seinen Schüler in den Schmerz hineinführen. Er tröstet nicht, er beruhigt nicht im Gegenteil. Es ist höchst beunruhigend einem wahren Meister zu begegnen. Er wird Dein Leben zerstören, kein Stein auf dem anderen belassen und Dich an die Grenzen Deiner Grenzen bringen. Ja, der Raupe wird es Angst machen sich vorzustellen zu fliegen. Sie sieht bereits ihren Tod, ihren Absturz vor dem geistigen Auge und wird sich mit allen Mitteln zu wehren versuchen. Doch der Meister antwortet nicht auf die Raupe, sondern auf den Schmetterling in ihr. Der Meister spricht nicht zum Schüler, denn im Schüler liegt kein Verständnis dafür, er spricht zum Meister in Dir, als Meister zum Meister. Er weiß, daß Dein höheres Bewußtsein, wenn es gegenwärtig auch noch unbewusst ist, ihn trotzdem versteht. Deshalb scheint es, als würde der Meister Deine Fragen nicht beantworten… die Raupe fühlt sich unverstanden vom Schmetterling… Und deshalb besteht die größte Herausforderung darin, dem Meister zu vertrauen. Er weiß, wer er ist und somit weiß er auch, was er tut. Die Raupe weiß das nicht und sie weiß auch nicht, daß sie das nicht weiß. Erinnere Dich: „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun…“ Nur ein Meister kann solches, ohne Bewertung, sagen. Ja, selbst wenn der Schüler sich gegen den Meister auflehnt, ihn verleumdet, ans Kreuz nagelt, foltert und umbringt, selbst dann strömt die vergebungsvolle Liebe aus seinem Herzen zu Dir. Der Meister ist in der Tat wie ein Schmetterling, selbst aufgespießt, tot und hinter Glas weckt er in den Menschen den Sinn für Schönheit, Anmut und Freude aus. Durch nichts mehr lässt sich die Schönheit einer verwandelten Raupe aufhalten. Der Schmetterling existiert nicht mehr als Ego, er ist keine Raupe mehr und wurde sich bewusst, daß er auch nie eine gewesen ist. Er hat sein wahres Sein verwirklicht und ist in eine Schönheit eingetaucht welche durch nichts zerstört werden kann.

Der Schmetterling kann nicht lesen

Die Raupe ernährt sich von Blättern welche symbolisch für das hungrige Lesen der Suchenden steht. So wie Du gerade eben diese Zeilen liest, kriechst Du mit Deiner Aufmerksamkeit über ein Blatt und isst es. Du nimmst es in Dich auf. Es ist Deine Nahrung. Der Schüler sucht die Wahrheit in Büchern anstatt im Leben. Er braucht heilige Schriften, die Bibel, den Koran, die Veden, oder eine Baghavat Gita. Der Meister jedoch, ein Schmetterling kann nicht lesen. Er kann fliegen! Alle Schriften, alle Vorstellungen, alle Religionen und Weisheitslehren dienen bloß dazu, Dich unfrei und gläubig anstatt religiös zu machen. Sie geben vor den Weg zu Gott, den Weg in die Freiheit zu kennen… Letztlich führen sie jedoch alle in pseudoreligiöse Gefängnisse aus denen es kaum ein Entrinnen gibt. Die Meister sind gekommen die Schriften, die Religionen und Doktrinen zu zerstören. Sie sind gekommen und kommen noch um Dein Gehirn von diesem Schmutz zu reinigen und Dich von allen Indoktrinationen zu befreien. Deshalb werden sie gefürchtet. Vor allem von den religiösen Führern, den Päpsten, Kardinälen, Priestern und Schriftgelehrten. Denn ihnen geht es nicht um Deine Erleuchtung, nicht um Deine Verschmelzung mit Gott und darum, daß Du Deine eigene Göttlichkeit erkennst, sondern um Macht. Aber ein Schmetterling lässt sich nicht an Blättern festketten, er isst nicht einfach das, was ihm vorgesetzt wird, er fliegt… und er sucht sich die besten Blüten, nur die allerbesten Blüten als Nahrung aus. Lieber isst er nichts als etwas, was in umbringen würde!

Ein Schmetterling fliegt nur deshalb so leicht und zart, so anmutig und verspielt, weil er nicht mit all dem Unrat belastet ist. Er hat alle Begrenzungen abgelegt und bemüht sich nicht, sie wieder in sich auf zu nehmen. Er hat dadurch sozusagen das Lesen verlernt oder besser gesagt, abgelegt. Das Leben selbst ist zu seinem Meister geworden. Er kümmert sich nur noch um die Essenz welche alles durchdringt und zu der er selbst geworden ist. Er fühlt sich wie ein Tropfen der ins Meer gefallen ist. Er ist zum Meer selbst geworden! Er fühlt sich auch nicht als Teil des Meeres, sozusagen als Tropfen im Meer nein, er hat sich vollständig transformiert, ist selbst zum Meer, selbst zu Gott, selbst das Leben geworden. Von diesem Augenblick an, auf dieser Existenzebene benötigt er weder eine Philosophie noch einen ihm übergeordneten, personifizierten Gott. Ihm sind nicht mehr die Blätter (Bücher) heilig und auch keine anderen Ideen, Vorstellungen und Konzepte. Für ihn, den Schmetterling, den Meister, ist einzig und alleine das Leben selbst heilig. Und in dieser Heiligkeit genießt und fliegt er wissend, daß alles Gott ist und ihm niemals an etwas mangeln wird. Dies meine Freunde ist die Lebensweise eines Meisters und wenn Ihr von diesen etwas lernen wollt, wenn Ihr selbst Meisterschaft erlangen wollt, dann gebt Euch dem Leben hin und vertraut, daß Ihr, tief in Euch, die Kraft finden werdet welche Euch das Durchbrechen Eures Kokons ermöglicht. Wer die Hingabe an das Leben lebt braucht weder eine Religion, noch eine andere Glaubensgemeinschaft, keine Partei, keine Bücher, keine Heiligen, keine Meister und Gurus, denn er hat alles was er braucht ja, er besitzt nun alles, was es gibt. Die Ewigkeit ist zur Gegenwart geworden und Du fließt mit dem Strom des Lebens widerstandslos von einem Augenblick der Erleuchtung zum andern. Du bist dadurch Meister Deines Lebens geworden, daß Du Dich in vollkommenem Vertrauen dem Leben hingabst. So einfach ist das.

Also, sei achtsam und nimm Dich in acht wenn Du einem Meister begegnest, es kann sonst sein, daß Du ihn nicht erkennen oder, wenn Du ihn erkennst, ihn nicht verstehen kannst. Aber suche nicht zu weit, denn eines kann ich Dir versichern, er ist näher als Du denkst!

© Bruno Würtenberger

Quelle: Von der Raupe zum Schmetterling

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Ein Gedanke zu “Von der Raupe zum Schmetterling

  1. Lieber Sternen Bruder – Bruno

    …gebt Euch dem Leben hin und vertraut, daß Ihr, tief in Euch, die Kraft finden werdet welche Euch das Durchbrechen Eures Kokons ermöglicht.
    Wer die Hingabe an das Leben lebt braucht weder eine Religion, noch eine andere Glaubensgemeinschaft, keine Partei, keine Bücher, keine Heiligen, keine Meister und Gurus, denn er hat alles was er braucht ja, er besitzt nun alles, was es gibt.
    Die Ewigkeit ist zur Gegenwart geworden und Du fließt mit dem Strom des Lebens widerstandslos von einem Augenblick der Erleuchtung zum andern. Du bist dadurch Meister Deines Lebens geworden, daß Du Dich in vollkommenem Vertrauen dem Leben hingabst. So einfach ist das.

    Der ganze Beitrag ist wundervoll, doch dieser Abschnitt hier ist vorzüglich genial und ja, MEISTERLICH…!🙂

    Herrvoragend und mein RESPEKT auch für diesen Beitrag: http://wirsindeins.org/2016/02/04/wie-man-das-system-wirklich-stuerzt/

    Ergänzung meinerseits:
    Gewisse Bücher, Heilige, wahrhaftige Meister bringen das Verständnis über die Naturgesetze und lehren Eigenverantwortung zu übernehemen. Sie sind somit wertvolle, echte Wegbereiter – Wegweiser – Wegbegleiter bis zur eigenen Meisterschaft – Erinnerung -.

    Alles ist aus dem Licht der Liebe des E1nen entsprungen – Wir sind 1

    Liebe Herzens Grüsse

    von

    Herz zu Herz

    Roger *

    https://soscoachblog.wordpress.com/sos-coach-2/

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