Einen Zustand des Nicht-Denkens erlangen

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Ch’ing-ming sagt: “Es gibt Menschen, deren Geist dem Affen gleicht; sie sind schwer zu belehren. Sie brauchen allerlei Vorschriften und Lehren, um ihr Herz zur Unterwerfung zu zwingen.” Wenn Gedanken entstehen, folgen die verschiedenen Dharmas; diese vergehen wieder, wenn die Gedanken aufhören. Hieraus könnt ihr ersehen, dass jede Art von Dharma nur eine Schöpfung der Gedanken ist. Alle Arten von Lebewesen – Menschen, Devas, Höllenwesen, Asuras und jeder, der in den sechs Daseinsformen lebt – sind vom Geist geschaffen. Würdet ihr nur lernen, einen Zustand des Nicht-Denkens zu erlangen, dann würde sofort die Kette von Ursache und Wirkung abbrechen.

Gebt diese irrtümlichen Gedanken auf, die zu falschen Unterscheidungen führen. Es gibt kein “Selbst” und kein “Anderes”. Es gibt keine “falschen Begierden” und keinen “Ärger”, keinen “Hass”, keine “Liebe”, keinen “Sieg”, keine “Niederlage”. Lasst einfach ab von dem Irrtum der gedanklichen oder begrifflichen Denkvorgänge, und euer Wesen wird sich in seiner ursprünglichen Reinheit offenbaren. Dies allein ist der Weg zur Erleuchtung, zum Befolgen des Dharma, zum Buddha-Sein und allem Übrigen. Bis ihr dies nicht begriffen habt, wird euch alles – die ganze Gelehrsamkeit, die mühevollen Anstrengungen um Fortschritte, die Enthaltsamkeit im Essen und Kleiden – nicht zur Kenntnis des eigenen Geistes verhelfen.

aus: Huang-po, “Der Geist des Ch’an”
AWenn Ch’ing-ming sagt: “Es gibt Menschen, deren Geist dem Affen gleicht.”, dann drückt er sich ja geradezu vornehm zurückhaltend aus. Welcher menschliche Geist gleicht denn nicht dem Geist der Affen? Na ja, die armen Affen. Die sind halt einfach neugierig und hüpfen gern in der Gegend herum. Hmm, auch nicht alle, manche machen einen sehr meditativen Eindruck.

OHuang-po sagt: “Würdet ihr nur lernen, einen Zustand des Nicht-Denkens zu erlangen, dann würde sofort die Kette von Ursache und Wirkung abbrechen.” Natürlich taucht da die Frage auf, ob das überhaupt wünschenswert ist, diese Kette von Ursache und Wirkung abzubrechen. Beispiel Zahnschmerzen: Wenn ich welche habe, Gott sei Dank bin ich im Moment davon verschont, geh ich zu meinem Zahnarzt und lass den an mir rumwerkeln. Wenn alles gut geht, bin ich danach meine Zahnschmerzen los. Ursache Zahnschmerzen, Wirkung Zahnarztbesuch, der zur neuen Ursache dafür wird, dass meine Zahnschmerzen verschwinden. Will ich wirklich darauf verzichten? Oder meint Huang-po etwas völlig anderes damit, wenn er auf den Abbruch der Kette von Ursache und Wirkung verweist?

Ursache und Wirkung sind Phänomene, die auf ein Vorher und ein Nachher hindeuten. Und ich nehme an, dass auch Huang-po sich auf Nahrungssuche begab, wenn er Hunger hatte. “Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist.” sagte Jesus, und ich deute seine Worte u.a. so, dass er kein Weltverneiner war. Huang-po geht es in seinem Text wohl um das, was keine Zeit kennt, wohl aber den eigenen Geist, und nicht um Zahnschmerzen, Hunger und so’nen Kram. Und wenn er auf die ganze Gelehrsamkeit, die mühevollen Anstrengungen um Fortschritte und die Enthaltsamkeit im Essen und Kleiden zu sprechen kommt, dann meint er wohl, dass all dieses Bemühen und Wollen dem Kennen des eigenen Geistes eher im Wege steht, als dafür in irgendeiner Weise förderlich zu sein.

“Lasst einfach ab von dem Irrtum der gedanklichen oder begrifflichen Denkvorgänge, und euer Wesen wird sich in seiner ursprünglichen Reinheit offenbaren.” Er sagt, genau genommen nicht: “Lasst einfach ab von den gedanklichen oder begrifflichen Denkvorgängen!” Er spricht vom Irrtum dieser Vorgänge. Und damit meint er vermutlich nur, dass Worte für die Sache selbst gehalten werden, denn seine ganzen Ausführungen wären ohne gedankliche oder begriffliche Denkvorgänge gar nicht möglich.

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Quelle: Huang-po: einen Zustand des Nicht-Denkens erlangen | nit möööglich!

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